
Wenn wir aus unseren Fehlern lernen könnten

In einer Umfrage wurde ich letzte Woche befragt, wo ich mich im politischen Links-Rechts Spektrum verorte. Es war eine wirklich verflixte Situation, denn keine der angebotenen Antworten traf auf meine Einstellung zu. Ich bin nicht links, will nicht dass der Staat jeden Millimeter meines Lebens regelt, dass überhebliche Autoritäre den Menschen ihre Interpretation von "Solidarität" aufzwingen, ich bin gegen eine Totalüberwachung zum Schutze des "Weltklimas". Ja, ich finde wir sollten den Tieren und der Natur Sorge tragen und das gelingt uns aus eigener, tiefster, innerer Überzeugung die eben gerade nicht gesetzlich vorgeschrieben werden kann.
Ich bin aber auch nicht rechts, bin gegen ein Zwangsmilitär, bin nicht konservativ, denn ich will dass wir alte Regeln in Frage stellen, bin für Veränderung, wenn sie aus unserem Innersten entspringt. Ich bin nicht für Arbeit, um der Arbeit willen. Ich glaube nicht, dass sich Banker, Politiker und Lobbyisten (nur um einige Beispiele zu nennen) ihre Löhne ehrlich verdient haben. Ich glaube auch nicht, dass ein "erfolgreiches" Leben davon abhängt, ob man bereit ist jeden Tag um 5 Uhr aufzustehen, 7 Tage die Woche 12 Stunden zu arbeiten und dabei ein Burnout zu riskieren. Ich halte von Kapitalismus genauso wenig wie vom Sozialismus. Ich bin nicht in der Mitte, denn ich mache meine freiheitlichen Werte nicht von anderen politischen oder finanziellen Interessen abhängig.
Wer den politischen Innovationismus im Corona-Zeitalter beobachtet, dem wird schnell bewusst, dass sich die Parteien auf dem gesamten Spektrum bestenfalls noch sporadisch damit beschäftigen, "ob" eine neue Regel überhaupt eingeführt werden soll - Besser eine zu viel, als eine zu wenig. Da kann es auch schnell einmal passieren, dass Spielplätze der Volksgesundheit wegen verboten werden. Viel wichtiger scheinen für die Politiker die Fragen, wie viele Steuergelder damit ausgegeben werden können, ohne unnötiges Aufsehen zu erregen und "wer" für die neue Regel verantwortlich sein soll: der Staat (Linke), Firmen (Rechte), oder staatliche Firmen (die Mitte)?
Der wesentliche Zweck der Regeln war einmal, uns ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Wie viele Regeln brauchen wir noch um dieses Ziel endgültig zu erreichen? Wenn wir erkennen, dass unser friedliches Zusammenleben gerade in diesem selbstgezüchteten, verschlungenen Regelwald zu ersticken droht, anstatt darin zu erblühen, sollten wir uns dann nicht fragen: Wann ist es eigentlich genug?
Die Regeln haben uns bequeme Konformität verschafft, aber zu welchem Preis? Wir haben die Bedeutung von Eigenverantwortung verlernt, ja sie sogar verdreht. Wann wurde es uns Menschen verboten, Fehler zu machen, um daraus zu lernen?
Du darfst keine Fehler machen, wenn dabei andere Menschen Schaden nehmen könnten. Du bist ein Mensch, also machst du Fehler, das liegt in deiner Natur. Du bist natürlich gefährlich und umzingelt von anderen Gefährdern. Aber wir die wir uns freie Gesellschaft nennen, haben gute Neuigkeiten für dich: die Regeln unserer Fehler-freien Volksvertreter können uns vor uns selbst beschützen. Unser Grundsatz lautet: "Ignorantia legis non excusat" - "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht". So haben wir uns von unserer eigenen Natur distanziert und unsere Menschlichkeit endlich besiegt.
Die Herrschaft des Hasses
Zurück zur Frage, wieso ich mich nicht dem politischen Links-Rechts Spektrum zuordnen kann: weil ich fest daran glaube, dass tief in unserem Inneren die Fähigkeit schlummert, aus unseren Fehlern zu lernen und dass gerade dieser Weg zur Selbsterkenntnis führt. Wir alle sind dazu in der Lage.